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Zum speziellen Anforderungsprofil von KindergartenpädagogInnen in Kinder- bzw.
Krabbelstuben
Die Aufgabe in den Kinderstuben - sprich in den Unterbringungen
für die 1-3jährigen - ist eine qualitativ andere als die im Kindergarten. Neben
den augenfälligen speziellen Aufgaben in den Kinderstuben wie Wickeln,
Fläschchen geben und eines größeren Schwerpunktes auf körperliche bzw.
nonverbale Kommunikationsformen, gibt es auch einige charakteristische für das
Alter dieser Kinder. Die 1-3jährigen sind von der psychischen Entwicklung her
mit einem ganz anderem Thema beschäftigt als die 3-6jährigen. Die
tiefenpsychologische Entwicklungspsychologie lehrt uns, dass Kinder sich in
diesem Alter die so genannte Wiederannährungsphase befinden. Was bedeutet dies
für die Arbeit in der Kinderstube?
Mit etwa einem ¾ Jahr krabbeln die meisten Kinder - was in ein paar Monaten
zum Gehen führen wird. War das Kind zuvor noch ganz auf die Sensibilität
des Umfeldes angewiesen und davon abhängig, dass es in seinen Äußerungen
richtig interpretiert wurde und seine Wünsche von außen befriedigt wurden,
so haben sie nun die Möglichkeit ihre Körperlage zu verändern und sich im
Raum zu bewegen. In dieser Zeit müssen Kinder wohl etwas Ähnliches erleben
wie die großen Entdecker aus früheren Zeiten. Es gilt unbekannte Ufer
(Teppiche oder Stiegen) zu erreichen, fremde Kontinente (Kästen oder
Wäschekörbe) zu erforschen und exotische Früchte (Schuhpaste oder Blumenerde)
zu untersuchen. Dabei kann man sich ruhig auf ein verklärt romantisches
Bild der alten Entdecker einlassen, denn unsere Kleinen schweben in voller
Verzückung. Unermüdlich sind sie unterwegs und würden in ihrer Ausdauer und
Neugier jedem Wissenschafter zur Ehre gereichen. Neben diesen omnipotenten
Entdeckungsreisen machen die Kinder um die 1½ Jahre aber auch eine e
ntscheidende und folgenschwere Erfahrung. Wenn sie sich wie Magellan oder
Kolumbus bewegen und darauf los krabbeln oder laufen entfernen sie sich
auch automatisch von ihrem sicheren Heimathafen (der Mama). Sie nehmen ihre
bisher noch nicht wirklich wahrgenommene Getrenntheit von der Mama wahr und
sind dann oft zu tote erschrocken. Zeitweise genügt ein Blick zur Mama und
das Auftanken ist für den Moment erledigt und die Reise kann weiter gehen,
manchmal muss ein rasches Wendemanöver eingeschoben werden und mit voller
Fahr der Hafen angesteuert werden. Zeitweise geschieht es auch, dass der Hafen
außer Sichtweite geraten ist und nun große Verzweiflung die Seeleute (das
Kind) erfasst. Die Themen dieser Zeit sind also entdecken und erforschen
aber auch Trennungsangst, Verlustangst und Todesangst. In diesem Rausch von
neuen Eindrücken mischt sich auch das nur schwer ertragbare Gefühl, dass es
eben vieles noch nicht kann und auf Hilfe weiterhin angewiesen ist. Dies
führ zu Verhaltensäußerungen, welche oft als eine Trotzphase bezeichnet
werden.
Von etwa 1½ -3 Jahre wird es aus oben genannten Gründen für die Kinder sehr
wichtig sein, sich den Müttern wieder annähern (zum Hafen zurückkehren) zu
können. Unter dem Motto: Ich muss einen oder auch mal zwei Schritte
zurückgehen können, um mich das nächste Mal einen, zwei oder sogar drei
oder vier vor trauen zu können. Was macht aber das Kind, wenn der Hafen in
nicht erreichbare Ferne gerutscht ist? Wenn die Befürchtung besteht, dass
auch die inneren Bilder und Repräsentanzen von der Mama zu verblassen drohen?
Welche Möglichkeiten hat ein 1jähriges Kind, sich die gerade entstandene und
noch unsichere Repräsentanz der Mama zu erhalten? Wie soll es auf sein Leid
adäquat hinweisen?
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Selbst ausgewachsene Entdecker hatten auf ihren Schiffen Galionsfiguren und
eine Schiffglocke (die Seele des Schiffes), um die inneren Repräsentanzen
vom Heimatland nicht vermissen zu müssen. Hier kommt die schwierige und oft
sehr belastende Aufgabe der KinderstubenpädagogIn ins Spiel.
Schreiende Kinder lösen bei PädagogInnen das Gefühl aus, das Kind trösten
bzw. beruhigen zu müssen. Doch wie beruhigt jemand Fremder ein Kind, das
fürchtet verloren gegangen zu sein und seine Mama nicht mehr zu finden? Die
beruhigenden Worte wie: Komm es ist ja nicht so schlimm! Beruhig dich doch!
Ich bin doch da und die anderen Kinder! werden den Kindern eher vermitteln,
dass man die Tragik der Verlustangst nicht begriffen hat. Warum soll sich
ein Kind beruhigen, das erkannt hat, dass die wichtigste Person in seinem
Leben nicht anwesend ist und auch niemand alle Hebel in Bewegung setzt, um
die Mama herbeizuholen.
Das wohl schwierigste am Beruf der KinderstubenpädagogIn ist, dass sie von
Kindern umgeben ist, die sich so gut wie nie miteinander spielen (und dies
von ihrer Entwicklung her auch noch nicht können), die von Angst vor dem
Verlust der Mama gequält sind und die niemanden anderen akzeptieren wollen
als eben ihre Mama. Eigentlich ist man ständig mit Frustrationserlebnissen
konfrontiert und hat keine bis wenig Chance dies zu verändern. Die Erfahrung
zeigt auch, dass die wenigsten KindergartenpädagogInnen gerne eine
Kinderstube übernehmen und wenn, dann nur für ein oder zwei Jahre.
Die massive Angsterlebnisse der Kinder lösen nämlich ähnliche Gefühle bei
allen Erwachsenen aus. Man wird bewusst oder unbewusst an die Emotionen (und
meist nur an diese) von eigenen Trennungs- und Todeserlebnisse erinnert. An
die Emotionen von schmerzliche Trennungen von geliebten Personen, von
Scheidungserfahrungen, von Krankenhausaufenthalte und ähnliches mehr. Aber auch
an Gefühle des Alleinseins oder des Verlorengehens. Da man diese Gefühle bei
sich selbst nicht gerne wahrnehmen möchte nimmt man sie auch oft bei den
Kindern nicht wahr. Nimmt man sie aber bei den Kindern nicht wahr, dann kann
man die Schreie der Kinder als Anklage verstehen. Als Anklage, dass dem Kind
nicht richtig geholfen wird. Dies kann dann leicht als Kritik an der eigenen
Person aufgefasst werden, was wiederum dazu führt, dass Aggressionen gegen
das Kind entstehen können und das Kind sich folglich dem vermeintlichen
Aggressor ausgeliefert fühlt. Einem Aggressor, der Schuld daran ist, dass
die Mama nicht da ist. Dieser Teufelskreis von Missverständnissen kann nur
dadurch aufgelöst werden, dass KinderstubenpädagogInnen um die dramatische
Situation der Kinder Bescheid wissen, folglich das Schreien nicht als
persönlichen Angriff interpretieren und statt dessen das Kind in seinem
großen Schmerz wahr- und annehmen. Eine Voraussetzung für diese Wahrnehmung
ist jedoch, dass man um eigene Trennungserlebnisse weiß und sich dort auch
hin schauen bzw. fühlen traut. Nur wenn man sich den eigenen Schmerz
eingestehen kann, kann man diesen auch anderen zugestehen. Anderenfalls
würde jede Angstäußerung von Kindern von KinderstubenpädagogInnen unbewusst
als Provokation der eigenen Gefühle empfunden werden.
Die Tatsache, dass es wirtschaftliche Gegebenheiten gibt, dass Kinder
bereits mit einem Jahr in einer Tagesbetreuungsstätte untergebracht werden
müssen bedeutet nicht, dass dies für die Entwicklung von Kindern gut ist.
Um so mehr ist es wichtig, dass die betroffenen KindergartenpädagogInnen
um die Entwicklung dieser Kinder wissen, um darauf annähernd adäquat
reagieren zu können.
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